Vom Effizienzwerkzeug zur Infrastruktur: Wie die Boutiquekanzlei NEON Transaktionen neu denkt

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2026. aug. 12.

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2026. aug. 12.

Legal AI wird in der Kanzleiwelt gern als Werkzeug für einzelne Arbeitsschritte verstanden. In der Transaktionspraxis der Berliner Kanzlei NEON zeigt sich etwas anderes: Künstliche Intelligenz wird hier zur integrierten Infrastruktur eines Mandats – von der Due Diligence über die Governance-Prüfung bis zur Qualitätssicherung. Ein Gespräch mit Dr. Patrick Auerbach, Partner, Rechtsanwalt und Notar, über den strukturellen Wandel des Geschäfts.

Nicht ein Problem lösen, sondern Kanzlei neu denken 

Wer den Ausgangspunkt sucht, findet bei NEON keine einzelne Schmerzstelle, sondern eine Haltung. Für Auerbach war die Einführung von Libra nie die Antwort auf ein isoliertes Effizienzproblem, sondern die konsequente Umsetzung einer Grundüberzeugung. 

„Juristische Expertise ist zu wertvoll, um sie mit Routinearbeit zu verschwenden. Die eigentliche Frage war für mich deshalb nie ‚Welches Problem löst KI?‘ – sondern: Wie können wir juristische Arbeit so grundlegend neu denken, dass das Team konsequent auf Hochwertigem fokussiert bleibt?“ 

Dr. Patrick Auerbach, Partner bei NEON 

Genau darin liegt die Differenz zwischen Optimierung und struktureller Veränderung. Dokumentenanalyse, Datenabgleich und Recherche wandern zunehmend in die Plattform – nicht, um schneller dasselbe zu tun, sondern um Kapazität für das freizuhalten, wofür echter juristischer Sachverstand gebraucht wird. „Das ist keine reine Effizienzmaßnahme“, so Auerbach. „Das ist eine andere Art, Kanzlei zu betreiben.“ 

Due Diligence, Vertragsanalyse und Governance als ein Arbeitsfluss 

Am deutlichsten wird dieser Wandel im Transaktionsgeschäft. Bestandsverträge werden analysiert, Corporate-Governance-Strukturen bewertet und Zustimmungserfordernisse gegen den internen Standardkatalog der Kanzlei abgeglichen. Aufgaben, die früher Stunden beanspruchten, lassen sich perspektivisch in einem Bruchteil der Zeit erledigen – und zwar nicht als lose Einzelschritte, sondern als zusammenhängender Prüfprozess. 

Für die professionelle Nutzbarkeit im juristischen Kontext ist ein Detail entscheidend, das Auerbach technisch am meisten überzeugt hat: die quellenbasierte Verifikation über Fußnoten. Jeder KI-Output lässt sich direkt auf die zugrundeliegende Textpassage zurückführen. 

„Ich kann sehr schnell prüfen, ob das Modell korrekt zitiert – oder halluziniert hat. Das ist für juristische Arbeit essenziell und macht KI überhaupt erst professionell einsetzbar.“ 

Der Effekt reicht bis in die Zusammenarbeit hinein. Projekte werden kollaborativ genutzt, alle Beteiligten sehen, wo und wie KI eingesetzt wurde. „KI wird zur geteilten Infrastruktur“, beschreibt Auerbach die neue Transparenz im Team – ein Satz, der den Kern des Cases trifft. 

Qualitätssicherung: Prüftiefe ohne proportionalen Zeitaufwand 

Qualitätssicherung bedeutet für Auerbach nicht Automatisierung um jeden Preis, sondern systematische Absicherung gegen menschliche Fehlerquellen. Bei der Prüfung großer Vertragsvolumina werden Befristungen, Beschränkungen etwa nach § 181 BGB oder Abweichungen von eigenen Musterklauseln zuverlässig erkannt und markiert. „Das erhöht die Prüftiefe, ohne proportional mehr Zeit zu beanspruchen.“ 

Strategisch noch weiter reicht der Effekt auf das Wissensmanagement. Kanzleien sitzen auf einem großen Schatz an implizitem Wissen – in den Köpfen erfahrener Anwältinnen und Anwälte, in nicht dokumentierten Entscheidungsprozessen, in jahrelanger Praxiserfahrung. 

„Wir überführen Erfahrungswissen in strukturierte Assistenten, Playbooks und Workflows – maschinenlesbar, reproduzierbar, teamweit abrufbar. Wir bauen institutionelle Infrastruktur aus institutionellem Wissen.“ 

Neue Kapazitäten – und die Frage nach dem Preis 

NEON ist eine kleine, hochspezialisierte Kanzlei, und gerade das macht den Effekt sichtbar. Früher war die Kapazität bei großen Transaktionen faktisch durch die Zahl der Berufsträger gedeckelt. Diese Grenze gibt es so nicht mehr: Das Team verarbeitet heute mit kleinen Einheiten Datenmengen, die früher ganze Abteilungen beschäftigt hätten – die strukturierte Auswertung einer Vielzahl von Verträgen oder die Prüfung einer großen Zahl an Vollmachten in einem Bruchteil der bisherigen Zeit. 

Das verändert nicht nur den Betrieb, sondern das Geschäftsmodell. Mandate, die vor drei Jahren jenseits der operativen Reichweite gelegen hätten, sind heute machbar – „nicht weil wir gewachsen wären, sondern weil wir durch KI effektiv skalieren können, ohne linear mehr Personal einzusetzen“. Damit rückt eine Frage in den Vordergrund, die Auerbach für eine der spannendsten der gesamten Branche hält: Wie verändert KI die Preisgestaltung juristischer Leistungen? 

„Die Zukunft gehört Kanzleien, bei denen Effizienzgewinne durch KI auch für die Mandanten spürbar werden – ob durch Fixpreise, outcome-orientierte Vergütungsstrukturen oder steigende Stundensätze bei geringeren Gesamtkosten. Wer diese Transformation jetzt aktiv gestaltet, wird gewinnen. Wer wartet, verliert Relevanz.“ 

Vertraulichkeit als Fundament, Lernkultur als Voraussetzung 

Dass hochsensible Mandatsdaten in KI-gestützte Analysen einfließen dürfen, ist für NEON keine Nebenbedingung, sondern die Grundlage. Datenschutz und anwaltliche Verschwiegenheit seien „keine Compliance-Aufgaben – sie sind das Fundament unserer Arbeit“. Dass Libra beides datenschutz- und berufsrechtskonform garantiert, war laut Auerbach ausschlaggebend für die Entscheidung: An genau dieser Stelle scheitern in der Praxis viele KI-Projekte in Kanzleien. 

Getragen wird der Wandel von einer bewussten Lernkultur. Neben einem strukturierten Onboarding mit externen KI-Beraterinnen und -Berater hat die Kanzlei regelmäßige „KI-Lunches“ etabliert – interne Formate, in denen neue Anwendungsfälle, überraschende Ergebnisse, aber auch Grenzen und Fehler offen geteilt werden. KI-Kompetenz sei keine einmalige Schulung, sondern ein fortlaufender Prozess. Für das Legal Engineering und die Implementierung arbeitet NEON dabei eng mit dem Partner iurAI zusammen, der im direkten Austausch mit den Legal Engineers von Libra steht. 

Ausblick: Welche Art von Anwältin oder Anwalt wird durch KI erst möglich? 

Für Auerbach ist der Einsatz von Werkzeugen wie Libra längst nicht mehr optional, sondern fester Bestandteil juristischer Denkprozesse. Rechtsgebiete mit hohem Wiederholungsgrad – Tech & Data, aber ebenso M&A, Venture Capital und Disputes – würden mittelfristig strukturell anders betrieben: „Nicht optimiert, sondern neu gedacht.“ Juristische Exzellenz definiere sich künftig nicht mehr über Fleiß und Dokumentenvolumen, sondern über strategisches Urteilsvermögen, Präzision im Umgang mit Komplexität und die Fähigkeit, KI souverän zu führen. 

Es bleiben Gestaltungsaufgaben – etwa die Frage, wie Nachwuchsjuristinnen und Juristen juristische Instinkte entwickeln, wenn Routineaufgaben automatisiert sind. Kanzleien, die diese Fragen aktiv angehen, so Auerbachs Überzeugung, werden die besten Talente anziehen und die Branche prägen. 

„Anwaltliche Arbeit wird durch KI nicht weniger anspruchsvoll – sie wird anspruchsvoller. Aber auf eine bessere Art. Die Frage, die wirklich zählt, ist nicht ‚Ersetzt KI Anwält:innen?‘ – sondern: Welche Art von Anwält:in wird durch KI erst möglich?“ 

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